Mittwoch, 20. März 2019

Flamenco-Gitarrenschule für Generationen

25-jähriges Jubiläum der zweibändigen Flamenco-Gitarrenschule von Gerhard Graf-Martinez



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„Sie hören von uns“

Genau vor 25 Jahren hielt ich das das erste gedruckte Exemplar meiner Flamenco-Gitarrenschule in der Hand. Das Manuskript zu diesen beiden Bänden entstand in den 1980er Jahren, als Unterrichtsmaterial zu den unzähligen Workshops, die ich zu dieser Zeit im gesamten Bundesgebiet und angrenzenden Ländern abhielt. Irgendwann, in einen Workshop, meinte ein teilnehmender Gitarren-Dozent, dass man dieses Material veröffentlichen sollte. Monate später besuchte ich mit ihm den Musikverlag Schott in Mainz. Ich versprach mir nicht viel davon,  legte aber trotzdem erwartungsvoll dem zuständigen Lektor (heute nennt man das Produktmanager), meinen Blätterstapel vor. Er schaute sich alles an und meinte: „Toll - sie hören von uns“. Damit war für mich die Sache erstmal erledigt. Es verging eine geraume Zeit, genauer gesagt drei Jahre, bis sich dieser Mensch wieder bei mir meldete und mich fragte, ob ich nach Mainz kommen könnte.

Von der Schreibmaschine zum Computer

Während der Erstellung meiner Manuskripte war ständig meine Überlegung, wie man das Gespielte korrekt auf Notenblatt bringen könnte. Ständig hegte ich den Traum, dass mein Computer, den ich schon seit 1984 als moderne Schreibmaschine nutzte, die Töne aus meinem Schallloch umwandelt, um sie dann mit dem Apple-Pinwriter (Nadeldrucker) auszudrucken. Ein Traum, der bis dato nicht so
richtig in Erfüllung ging. Durch diesen Apple MacIntosh IIc, mit einem monochromen Greenscreen (Auflösung: 280×192) und zwei Floppy-Disc-Drives (Diskettenlaufwerke), wagte ich mich tatsächlich ans Schreiben heran. Mit meinen Schreibmaschinenkenntnissen (10-Finger-System) konnte ich relativ flott schreiben. Aber nun konnte man Fehler ohne Tippex korrigieren, ja sogar ganz Sätze verschieben, umgestalten, löschen, kopieren, oder wieder neu beginnen, ohne ein Blatt Papier wegzuwerfen. Das war eine große Errungenschaft, vor allem für Laien-Autoren wie mich. Mit diesem Mac schrieb ich auch meine erste Workshop-Reihe für das Musikblatt, das von Wieland Ulrichs in Göttingen herausgegeben wurde. Nebenbei hatte ich noch einen C64, eigentlich zum Gaming und erste Programmierversuche. Auf diesem Teufelsding lief auch die Music-Software von C-Lab (Emagic), eine Firma aus Rellingen bei Hamburg, aus der später Logic (seit 2002 Apple) entstand. Aber das war alles nicht verwendbar um Noten so darzustellen, wie man es von den Notenstechern her kannte. 1988 entdeckte ich ein sensationelles Notensatz-Programm, das von einem Musik-Professor an der Stanford University namens Leland Smith entwickelt wurde. Mit diesem Programm, das auf PostScript basierte, konnte man Noten nach den vorgegeben Konventionen darstellen und ausdrucken. Leider lief dieses Programm nur auf MS-DOS, dem ersten Betriebssystem von Microsoft. Also musste ein PC her. Diese Software namens Score kostete damals über 2000 DM und um es zu erlernen waren Schulungsbesuche unabdingbar. Zumal die Handbücher natürlich alle in Englisch waren. Nächtelang begann ich mich mühsam in das Programm einzuarbeiten, das nur auf Parameter-Eingabe bestand, ohne Maus.

Desktop Publishing

Als ich dann von Schott zum ersten Gespräch nach Mainz eingeladen wurde, konnte ich schon Ausdrucke vorlegen und schlug vor, die Noten komplett selbst zu erstellen. Das war für die Herren kein Problem, da im Hause Schott schon lange „Score“ verwendet wurde. Die Konferenzrunde war sich einig, dass eine zweibändige Flamenco-Gitarrenschule von Graf-Martinez herausgebracht wird, deren kompletten Erstellung (Layout, Noten, Fotos, Grafiken) vom Autor selbst durchgeführt wird, auch die Lieferung eines Masters für die CD. Glückselig fuhr ich nach Hause und stellte in den folgenden Tagen zusammen, was ich alles für die Herstellung benötigte. Da das Notenprogramm nur auf PC lief, musste ich leider, wie schon erwähnt, von Mac auf PC umsteigen. Für die Erstellung des Buches benötigte ich noch ein DTP-Programm (Desk Top Publishing), dessen Wahl zu dieser Zeit auf den populären Ventura Publisher fiel. Für die Aufnahmen benötigte ich noch ein Soundkarte. All dies, Hard- und Software, waren zu diesem Zeitpunkt enorm teuer. Glücklicherweise verkaufte ich genau
zu diesem Zeitpunkt meinen Gitarrenladen und konnte dadurch diese Investition im oberen fünfstelligen DM-Bereich stemmen. Um das zu verstehen, ein kurzes Zahlenbeispiel. In meinem PC befand sich eine 20-MB-Festplatte, eine weitere kostete damals ca. 800 DM. Ein Laserdrucker annähernd 2.000 DM und die dazu benötigte PostScript-Karte nochmal 800. Ärgerlich war, dass im Grunde genommen nichts richtig funktionierte. Abstürze und Datenverluste waren alltäglich. Die DTP-Profis arbeiteten alle auf Macs von Apple - aber ich musste wegen des Notenprogramms auf dem dämlichen PC arbeiten. Das Ganze wurde mit Einführung von Bill Gates' Windows etwas angenehmer, der Ärger über diese Firma aber blieb - nichts war wirklich gut.

Von dem Tag ab, als ich bei Schott zum ersten Mal vorsprach, bis zur eigentlichen Veröffentlichung vergingen ganze fünf Jahre. Da ich zu dieser Zeit mit mehreren Flamenco-Gruppen und meiner heutigen Frau, der Tänzerin Lela de Fuenteprado viel unterwegs war, „nebenbei“ auch noch zweifacher Familienvater war, schritt zum einen die Autorenarbeit langsam voran, zum anderen tickten die Uhren bei Schott anders als bei mir.

Inhalt


Der gesamte theoretische Teil in beiden Bänden nahm sehr viel Zeit in Anspruch. Man muss bedenken, dass es zu dieser Zeit weder Internet, noch Wikipedia gab, wo man eben mal kurz eine Information abgreifen konnte. Um damals dieses Wissen zu erlangen musste man lesen, also „Bücher wälzen“, die nicht so einfach zu finden waren. In deutscher Sprache gab es fast gar nichts. Selbst in Spanisch ganz wenig - die Spanier selbst wussten über ihren Flamenco am wenigsten. Zu dieser  Zeit etablierten sich allmählich sogenannte „Flamencologen“, die ihr Wissen erst später niederschrieben, bzw. publizierten. Man musste sich in der anglo-amerikanischen Literatur und in den Geschichtsabteilungen der Stadt- und Landesbibliotheken umschauen, um an konkretes Wissen zu kommen. Alles was ich irgendwie an Material über Flamenco fand, ob in Madrid, Andalusien, England oder USA, kaufte ich und konnte dadurch im Laufe der Zeit auf ein stattliches Archiv an Büchern, Schallplatten und Noten zurückgreifen. Zu Recht kann ich behaupten,  dass das erste größere spanisch-deutsche Flamenco-Glossar in meinem Band 1 nachzuschlagen ist. Flamenco-Gitarrenlehrwerke gab es zwar, aber ohne jegliche didaktische, bzw. pädagogische Struktur. Die Musik, der Tanz wurde immer „nur“ mündlich/händisch weitergegeben. „Mano a mano“ wie man im Spanischen sagt. Einen Rhythmus einer bestimmten Gattung (Palo) konnte niemand erklären. Wenn - dann gab´s komische Zählweisen wie z.B.:

  1 + 2 + 3 + a 4 + a 5 + 

Auch kann ich heute behaupten, dass ich einer der Ersten war, der versuchte, eine verständliche Zählweise im Flamenco zu etablieren. Die Logik der Reloj del Flamenco (Flamenco-Uhr) stammt nicht von mir, sondern von Andrés Batista. Aber ich war derjenige, der das erste Flamenco-Metronom im Jahre 1986 entwickelte und auf den Markt brachte. Nun konnte man obiges Beispiel der Siguiriyas in der Uhr darstellen:

8 9 10 11 12 1 2 3 4 5 6

und alle anderen Palos:

1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 



Autor, Komponist, Notensetzer, Grafiker, Layouter

Neben der Strukturierung des theoretischen Wissens und Erfahrungen aus der Praxis in Madrid und Andalusien, musste ich ja auch noch die einzelnen Tonbeispiele kreieren, bzw. überarbeiten, so dass eben ein pädagogisch und didaktisch gut aufgebautes Werk entstehen konnte. Ein großer Vorteil war, dass ich eben Autor, Komponist, Notensetzer, Grafiker, Layouter in Einem war. Wer schon mal ein Musiklehrwerk geschrieben hat, weiss, dass es einer exakten Planung bedarf, da eben Text, Noten und Fotos miteinander korrespondieren sollten und mit dem Layouter nicht immer alles durchsetzbar ist. Oft war es schwierig, oder gar unmöglich ein Kapitel zu ändern, oder dass zu den Notenzeilen auch der entsprechende Text gesetzt, bzw. verschoben werden musste - usw., usf. Dies konnte ich alles freizügig gestalten, ohne dass irgendjemand meckerte, oder sich weigerte, oder mir Grenzen setzte. Dadurch entstand ein rundes, gut aufgebautes Lehrwerk, das letztendlich weltweit gelobt (Pressestimmen), mehrfach ausgezeichnet und auch gut verkauft wurde/wird.

Englisch und DVD


Die Amerikaner übertreiben natürlich gerne.
Nachdem acht Jahre später beide Bände ins Englische übersetzt wurden, schossen die Verkaufszahlen in die Höhe. Wesentlichen Anteil daran hatten die von Schott eingesetzten Distributoren in USA, anfangs Warner Bros. und später Hal Leonard. Der Verkaufserfolg wurde nochmals erheblich gesteigert, als ich im Jahre 2004  die DVDs zu den beiden Volumes produzierte, die mehrmals von kompetenten Didaktik-Institutionen und -Organisationen prämiert, bzw. ausgezeichnet wurden. Auch diese Produktion, inklusive Video/Audio-Recording,
Video-Cutting, Compositing wurde von mir eigens in meinem spärlich eingerichtet „Video-Studio“  durchgeführt.


Dank


Erwähnen, bzw. bedanken möchte ich mit bei meinem langjährigen Lektor von Schott (Schott Music gehört heute zu den weltweit führenden Musik- und Medienverlagen - gegründet 1770) Herrn Klaus Koop, der mit mir eine Eselsgeduld hatte, von dem ich viel gelernt habe während meiner Schreiberei und der freudig und interessiert mein Wissen über den Flamenco lektorierte. Auch herzlichen Dank an den Cheflektor Dr. Mohrs, sowie an den PreMedia-Leiter Herrn Schlesinger. Leider ging Herr Koop (Klaus) schon vor Jahren in den Ruhestand.


Posts, Tweets und Messages zum Fünfundzwanzigsten

Sehr gefreut habe ich mich über jüngste Zuschriften, bzw. Posts und Tweets zum 25-Jährigen meiner Bücher. Stellvertretend für viele seien hier ein paar genannt:


Der mehrfach ausgezeichnete und international bekannte Gitarrist Sigi Schwab via AB:
„Ich wollte dir  gratulieren zu deiner Arbeit.  Ich finde es bewundernswert, was du da auf die Beine gestellt hast. Herzlichen Glückwunsch - du machst eine ganz tolle Arbeit für die Gitarrengemeinde“.
Der Gitarrist Rehan Syed:

Ist ja auch einer der wenigen Schulen die was taugen! Leider fehlte mir die nötige Zeit um es auf ein gutes Niveau zu bringen, aber es hat trotzdem mein Gitarrenspiel in meinen eigenen Kompositionen bereichert. Also vielen Dank für diese Bücher!


Die inzwischen exzellente Gitarristen Maximilian Wichert„Danke, dass Du mir den Einstieg in die Flamencowelt ermöglicht hast.“ und  Shahin Valizadeh. Hier spielen sie meine Rumbita aus dem ersten Band im Duo.

Oder hier - Sahin solo:



So spielt man in Indien meine „Rumbita“:





In meinem YouTube-Channel sind noch weitere Gitarristen*innen aus der ganzen Welt zu sehen/hören, die Titel, Übungsstücke, oder Lektionen aus meinen Publikationen spielen.



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