Direkt zum Hauptbereich

Diego El Cigala im Theaterhaus Stuttgart

Eine wunderschöne Flamenco-Stimme, die den ganzen Abend keinen Flamenco sang.


Meinen vorherigen Beitrag muss ich hier an dieser Stelle etwas korrigieren. Zu vermuten, dass es sich eventuell um ein Flamenco-Konzert handelt, war wohl zu sehr Wunschdenken, bzw. die Unwissenheit darüber, welche Produktionen Diego El Cigala in den letzten Jahren veröffentlicht hat. Alle andern 998 Besucher dieses Konzerts haben den Ankündigungstext offenbar völlig anders verstanden als meine Frau und ich. Schon im Vorfeld war ich überrascht, dass T1 (1000 Sitzplätze) im Theaterhaus Stuttgart ausverkauft war. Ich kann mich nicht erinnern, seit ich „Flamenco-Aficionado“ bin, dass ein Cantaor (Flamencosänger) einen Konzertsaal füllt, schon gar nicht in 1000er-Saalgröße. Auch kann ich mich nicht erinnern, dass ähnliches in dieser Größenordnung hier jemals angeboten wurde, oder besser gesagt, dieses Risiko je von einem Veranstalter eingegangen wurde. Mein Respekt gilt meinem alten Freund Schretzmeier (wir waren lange Zeit gemeinsam in der Manufaktur Schorndorf aktiv - Vorsitzender/Kassier), der eigentlich vom Flamenco nicht viel Ahnung hat und eher das Gegenteil eines Anhängers dieses Genres ist. Aber - für diese Veranstaltung hatte er, oder sein Theaterhaus-Team wohl den richtigen Rochus.

Schon beim Betreten des Foyers war mir klar, dies ist keine Flamenco-Veranstaltung. Kein einziger „Flamenco“, keine einzige „Flamenca“ waren zu sehen. Zuerst dachten wir auf der falschen Veranstaltung zu sein, doch wurde uns beim Abholen der Karte bestätigt, dass es der richtige Termin ist. Für meine Frau war eine Gastkarte hinterlegt, ich bekam keine mehr, da eben ausverkauft. Aber wirklicher Ärger darüber kam bei mir nicht auf - mir war Sache noch immer ein bisschen „suspekt“. Denn auch zu diesem Zeitpunkt war immer noch nirgends zu erfahren, in welcher Besetzung Sr. Diego Jiménez Salazar auftritt. Beim Betrachten des Publikums, das sich so langsam in den Saal begab tippte ich: 1. typisches Theaterhaus-, 2. Jazz-, 3. Ethno-Exotik-, 4. Salsa- und 5. wohl vor allem Tango-Publikum. Nicht nur letztere waren enttäuscht, doch offenbar hauptsächlich die Flamenco-Fans verließen vorzeitig die Vorstellung. Zwei Freundinnen, die auch durch die Vorankündigung angelockt wurden, steigerten meine Verwunderung noch - haben doch beide mit Flamenco gar nichts am Hut - sie fanden die Musiker absolut top, die Stimme des Sängers sehr eindrucksvoll, ihn selbst aber ziemlich macho-mäßig. Diese Meinung dürfte wohl der Tenor der Besucher gewesen sein. Was ich von draußen mitbekam und was vor allem meine Frau berichtete, die Musiker (Piano, Kontrabass, Perkussion - Namen waren leider nirgends zu finden) sind absolute Top-Musiker. El Cigala mit einer wunderschönen Flamenco-Stimme, die den ganzen Abend keinen Flamenco sang und viel zu stark von den Instrumenten überdeckt wurde - so zumindest das Hörempfinden auf der Empore.

Natürlich kann ein Cantor seine Herkunft nicht einfach mal wegwischen. Genauso wenig, wie man den Flamenco-Gesang mal so eben erlernen kann. Es ist wie in jeder Stilrichtung der Musik, Phrasierung und Artikulation müssen langjährig, wenn nicht in die Wiege gelegt, trainiert werden, im Cante Flamenco sind es noch die Melismen und natürlich die genbedingte gutturale Stimme. Deswegen ist es im Grunde genommen egal, was Diego singt, es ist und bleibt „flamenco“ (Adjektiv), oder um  Manolo Caracol zu zitieren: „Wer Flamenco ist, bleibt es auch. Auch wenn er Posaune oder Violine spielt“. Aber als „Flamenco-Aficionado“ erwartet man dann eben schon einen oder zwei Palos (Flamenco-Lied - Gattung) an so einem Abend. Wäre aber, wenn auch gewollt, nicht möglich gewesen, da ja kein einziger Flamenco-Musiker auf der Bühne war.

Ich möchte mir keineswegs anmaßen, Topstars wie Diego El Cigala Empfehlungen auszusprechen, etwa wie der Weg eines Flamenco-Sängers auszusehen hat. Wie man sieht, funktioniert es ja, die Flamenco-Pfade komplett zu verlassen, um sich in die internationale Ethno-Sauce (Salsa span. für Soße) einzureihen. Nur - eine arrogantere Art, sich als Sänger alleinig auf das Podest zu stellen, weder in der Konzertankündigung, noch auf den Platten- und DVD-Covers auch nur einen Mitmusiker zu erwähnen, ist mir, mal abgesehen von Schlager- und großer amerikanischen Showstars in der Flamenco-Branche noch nie aufgefallen. Selbst große Cantaores wie Fosforito, oder der unvergessliche Camarón de la Isla  († 1992) erwähnten immer ihre Gitarristen, bzw. Musiker, egal ob Plakat, Schallplatte oder TV-Sendung. Naja - es passt wohl zu El Cigala´s (Kaiserhummer) propio sello (eigener Stempel, persönliche Note), der früher mit Stimme und Artikulation erzielt wurde, als unwiderstehlicher Macho im anthrazit-glänzenden Anzug, mit dem Rücken zu den Musikern, in seltsamem Posing und Whiskey-Glas in der Hand auf der Bühne zu stehen.

Trotzdem möchte ich nochmals das Phänomen dieser Veranstaltung aufgreifen und meine Freude und Bewunderung zum Ausdruck bringen, dass ein Konzert dieser Art möglich ist und auch veranstaltet wird. Ich wiederhole: Ein Flamencosänger füllt in Stuttgart einen 1000er-Saal. „Flamencos“ weit und breit - freut euch. Flamencogitarristen spielt mit Eurer Flamencogitarre Salsa und Bossa, Flamencotänzerinnen tanzt mit Euren Flamencokleidern Tango - vielleicht kommen wir ja mal wieder aus unserer Randgruppenkunst auf eine ähnliche Welle, wie es uns Mitte der 80er-Jahre Laura del Sol und Antonio Gades († 2004) in Saura’s Film „Carmen“ beschert haben.





Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Interview in der deutschen Flamencozeitschrift

Anfang Januar kündigte sich Klaus-Peter Dorn (auch unter dem Pseudonym „El Espina“ bekannt) bei mir an, zwecks einem Interview für die ¡anda! Zum anberaumten Termin saßen Klaus-Peter mit weiblicher Begleitung, die mir nicht vorgestellt wurde, in meinem Arbeitszimmer, ausgestattet mit stromunterversorgtem Notebook, Voice-Recorder, Fotoapparat, Papier und vorgefertigten Fragen. Noch rechtzeitig bemerkte ich, dass der Voice-Recorder bereits lief, bevor das Interview offiziell begann. Ich bat um Löschung unserer privaten Begrüssungskonversation und musste leider die Dame kurz belehren, dass dies nicht mein erstes Interview ist und es üblich wäre, dass der Interviewer darauf hinzuweisen hat, wenn das Band läuft. Ja - das war nicht unbedingt gut für die Atmo - aber Anstand und Spielregeln sollten schon beachtet werden.

Die Fragen stellte Klaus-Peter Dorn. Sie tippte auf ihrem Notbuch rum. Im Laufe der Zeit bekam ich doch ihren Namen mit - Katharina. Die Internetrecherche ergab Katharina E. …

4 Bulerías-Falsetas aus dem Flamenco-Workshop 2016

Hier vier Falsetas aus meinem diesjährigen Flamencogitarre-Workshop in Schorndorf.

Falseta Nr. 1




Falseta Nr 2




Falseta Nr. 3




Falseta Nr, 4

Flamencogitarre und und Tonabnehmer

Der Beitrag wurde am 22.03.2011 geändert.
Mag sein, dass die Hörgewohnheit, auch bei „Gitarristen“ schon so abwägig vorangeschritten ist, dass ein Piezo-Tonabnehmer-Sound, der noch in den 70er und 80er als minderwertiger Ovation-Sound 1) abgelehnt wurde, inzwischen als normal empfunden wird. Trotzdem kann ich mich nicht daran gewöhnen, da eine Gitarre, egal ob Western-, Konzert-, Flamencogitarre, eben in natura nicht so klingt, wie sie über diesen jämmerlichen, im Steg eingelegten Abnehmer klingt. Ist ja physikalisch auch unmöglich und unverständlich, wenn man sich mit der Materie ein wenig beschäftigt, bzw. sich mal überlegt, wie an einer Akustikgitarre ein Ton entsteht. Diese Instrumente haben ein Klangkorpus, eine freischwingende Decke, die von der schwingende Saite in Vibration versetzt wird. Diese vibrierende Decke wiederum setzt Luft in Bewegung, es entstehen die berühmten Schallwellen. Nicht nur das Instrument, sondern speziell die Gitarrendecke ist ein statisches Wunderwerk, de…